Nach dem Regierungswechsel befindet sich auch die ungarische Medienlandschaft in einer Zeit tiefer struktureller Umgestaltungen. Vieles ist geblieben, doch es tun sich auch bemerkenswerte Änderungen auf. Eine Bestandsaufnahme im Oktober 2026.
Die ungarische Medienlandschaft ist schon seit Jahren von tiefgreifenden Veränderungen durchzogen, in der internationale Tendenzen (Zeitungssterben), aber auch innerungarische Problemlagen (Polarisierung, Dichotomien) eine Rolle spielen. Ein halbes Jahr nach dem Amtsantritt der neuen Regierung lohnt es sich daher, eine Bestandsaufnahme der aktuellen Situation auf dem heimischen Medienmarkt im Bereich Politik, Zeitgeschehen und öffentliche Angelegenheiten vorzunehmen und auf spezielle Tendenzen, Entwicklungen und Besonderheiten zu achten.
Tages- und Wochenzeitungen
Die Einstellung der mit der damaligen Regierung sehr kritischen, führenden linksorientierten Tageszeitung Népszabadság im Oktober 2016 sorgte auch international für Furore. Das während des Volksaufstandes 1956 gegründete Blatt erlebte sein 60. Jubiläum im November 2016 damit knapp nicht. Zuletzt hatte es eine relativ hohe Auflage von 37.000 gedruckten Exemplaren gegeben. Politische Beobachter sorgten sich damals um die Pressefreiheit in Ungarn und warfen der Regierung von Viktor Orbán vor, den Weiterbetrieb der verlustreichen Zeitung desavouiert zu haben. In der Tat war nicht eindeutig, welche Rolle regierungsnahe Unternehmer in dieser Gemengelage spielten. Auch die Website wurde stillgelegt, das Archiv kostenpflichtig gemacht.
Weit weniger beachtet wurde die Tatsache, dass eine konservative Tageszeitung, die Magyar Hírlap im Juli 2022 aus wirtschaftlichen Gründen ihre Printausgabe einstellen musste, seitdem führt sie als Onlinemedium nur noch ein Schattendasein. Ursprünglich 1968 als Blatt der Reformkommunisten und wirtschaftlichen Technokraten gegründet, nahm sie Anfang der Nullerjahre ein konservatives Profil an. In Ermangelung eines Audits in den letzten Jahren konnte die verkaufte Auflage nur noch geschätzt werden, diese dürfte aber kaum einige Tausend Exemplare betragen haben.
Weitgehend unbeachtet geblieben ist, dass nach dem aktuellen Regierungswechsel 2026 die älteste, noch 1873 gegründete Tageszeitung, die Népszava im Mai 2026 endgültig eingestellt wurde, übrig blieb auch hier nur der Onlinedienst. Die Zeitung hatte zuletzt eine Auflage von 10.000 Exemplaren und war gewerkschaftlich-sozialdemokratisch-links ausgerichtet. Den Regierungswechsel hatte sie wohlwollend begleitet.
Ebenso kaum auf Resonanz stieß die Einstellung des gediegenen konservativen Traditionsblattes Magyar Nemzet im Juli 2026, welches seit 1938 täglich erschien (abgesehen von einer Pause und Restrukturierung zwischen April 2018 bis Februar 2019). Die Zeitung hatte kaum mehr eine kritische Tagesauflage und musste den Druck aus wirtschaftlichen Gründen einstellen. Das Onlineportal macht weiter, ebenso erscheint seit August eine gedruckte Wochenausgabe dieser Zeitung.
Bemerkenswert ist, dass zum 10. Jahrestag der Schließung der Népszabadság die Zeitung seit diesem Wochenende wieder erscheint – als gedruckte Wochenzeitung. Damit hat das regierungsnahe Tisza-Lager und das regierungskritische Fidesz-Lager wieder jeweils ein miteinander konkurrierendes gedrucktes Medienprodukt. Die Zeit wird zeigen, welches erfolgreicher sein wird.
Mit von der Partie ist die im Mai 2018 von ehemaligen Redakteuren der Magyar Nemzet gegründete Wochenzeitung Magyar Hang, die – im Berliner Zeitungsformat gedruckt – beachtliche 10.000 verkaufte Exemplare erreicht und bei den Wochenzeitungen inzwischen als führend angesehen werden kann. Sie hat sich in den letzten Jahren als kritische bürgerliche Stimme verortet und war ein entschiedener Gegner der Orbán-Regierung. In den letzten Wochen erschien eine regelrechte Interviewserie mit prominenten Vertretern der neuen Regierungspartei Tisza.
Die auf Zeitungspapier als Broadsheet gedruckte Élet és Irodalom (kurz: és) erscheint in einer Auflage von etwa 24.000 Exemplaren und ist eine klassisch links-intellektuelle Großstadtzeitung. Sie gilt für das Kulturleben als klassisches Nischenformat mit einem reichhaltigen Kultur- und einem klar definiertem Politikteil.
Bei den Regionalzeitungen macht sich das Zeitungssterben ebenso deutlich bemerkbar. Die meisten lokalen Zeitungen, die bisher als Tageszeitung erhältlich waren, erscheinen seit August 2026 nur noch im Wochentakt. Lediglich die in den westlichen Komitaten vertriebene Kisalföld (22.000), Vas Népe (17.000) und Zalai Hírlap (15.000) erscheinen weiterhin täglich, die übrigen zwölf werden nur noch als Wochenzeitung angeboten. Drei der in den östlichen Landesteilen erscheinenden Zeitungen haben aufgrund Leserschwunds komplett dichtgemacht.
Das Bild zeigt neben der allgemeinen internationalen Tendenz des Zeitungssterbens auch eine interessante innerungarische Dichotomie: Während im Westen noch genügend Leser da sind, um in drei Komitaten Tageszeitungen am Leben zu halten, verschwindet die Leserschaft stückchenweise, wenn man nach Osten schaut: Auch dies verrät viel über die soziodemographischen Faktoren Ungarns – sicherlich ist dies eine nähere Betrachtung wert.
Abgesehen von der Boulevardzeitung Blikk und der Sportzeitung Nemzeti Sport gibt es in Ungarn seit dem Sommer keine einzige gedruckte politische Tageszeitung mehr. Damit ist Ungarn das erste Land in Europa, in dem man keine Printtageszeitung mehr kaufen kann – ein trauriger Vorreiter einer auch international bemerkenswerten Entwicklung und in dieser Dimension zwar überraschend, aber längst kein Aufreger mehr. Noch trauriger ist, dass niemand über diese Entwicklung spricht. Zu sehr hat man sich an das Zeitungssterben gewöhnt.
Wochenmagazine
Die ursprünglich als Wochenmagazin der ungarischen Außenhandelskammer 1979 gegründete hvg ist mit einer verkauften Auflage von fast 20.000 Exemplaren das größte politische Wochenmagazin und tendiert eindeutig zum linksliberalen Lager. Politisch ähnlich gelagert, doch mit einem stärkeren Kultur- und Veranstaltungsteil wartet die 1989 gegründete Magyar Narancs auf. Ursprünglich mit einer großen Nähe zum (damals noch liberalen) Fidesz, avancierte die Wochenzeitschrift inzwischen zum Aushängeschild einer urbanen, grünen und liberalen Elite. Die Auflage beträgt bemerkenswerte 20.000 Stück.
Eine deutlich kleinere Stückzahl hat die linksliberale Satirezeitschrift Hócipő, die ebenso seit 1989 auf dem Markt ist und alle zwei Wochen erscheint. Auf der bürgerlichen Seite findet sich das 1997 ins Leben gerufene rechtskonservative Nachrichtenmagazin Demokrata mit einer gedruckten Auflage von 7.000 Exemplaren. Nach der Einstellung des deutlich größeren Magazins Mandiner durch die neue Regierung Anfang 2026 – sie wurde mit der Verstaatlichung im August 2026 Inhaberin des gleichnamigen Verlags – ist bei den Wochenmagazinen auf der rechten Seite quasi nur noch Demokrata übriggeblieben.
Das Wochenmagazin Hetek erscheint seit 1997, zuletzt mit einer Auflage von 15.000 Exemplaren. Es nimmt einen dezidiert bürgerlichen Standpunkt ein, ist politisch aber nicht klar zu verorten. Von Evangelikalen gegründet, steht die Zeitschrift fest an der Seite Israels. Die seit 2020 alle zwei Wochen erscheinende Országút bleibt mit 2.500 verkauften Exemplaren ein Nischenprodukt, das Kultur, Geschichte und Politik von einer moderat-bürgerlichen Warte bedient.
Fernsehen
Man war lange Zeit gewohnt, dass sich die Nachrichten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk eindeutig und unmissverständlich an der jeweiligen politischen Mehrheit im Lande ausrichteten. Die mit jedem einzelnen Regierungswechsel neu ins Amt gekommenen Intendanten und Nachrichtenchefs machten aus ihrer politischen Gesinnung kein Hehl und ordneten hausintern an, dass positiv über die Maßnahmen der jeweiligen Regierung zu berichten sei.
Dieser gefährliche Trend machte sich auch zuletzt bemerkbar und gipfelte in der nun entstandenen makabren Situation, in der die Sender dazu verdonnert wurden, ihre eigene frühere Tätigkeit zu geißeln. Am Tag der Abschaltung der Nachrichten der alten Garde wurde stundenlang folgender Schriftzug auf die TV-Geräte übertragen: „Der öffentlich-rechtliche Rundfunk darf nicht lügen. Wir entschuldigen uns, dass wir dies über lange Jahre dennoch getan haben! Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wird jetzt umgestaltet, so dass er in Zukunft unabhängig und glaubwürdig sein kann. Die Berichterstattung wird vorübergehend ausgesetzt. Bleiben Sie bei uns!“ Inzwischen begannen M1 und Kossuth Radio wieder Nachrichten zu senden, gemeinsam mit dem Versprechen, ausgewogener zu berichten. In der Tat werden inzwischen sowohl Regierungs- als auch Oppositionspolitiker eingeladen und kommen auch sonst verschiedene Stimmen zu Wort. Dennoch bleibt ein schaler Beigeschmack, dass trotz dieser neuen Ausgewogenheit die Regierung jederzeit weiter unbotmäßiges Personal entlassen kann.
Im Bereich der politischen TV-Nachrichtensender sind noch das konservative HírTV und das linksliberale ATV erwähnenswert. Beide Sender werden von einigen hunderttausend Haushalten regelmäßig konsumiert, mit einer leichten Tendenz zu ATV. Der Wahlberichterstattung im April folgten bei ATV etwa 500.000 Zuseher, bei HírTV pendelte sich diese Zahl etwa bei der Hälfte ein. Zum Vergleich: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk erreichte damals etwa 420.000 Zuschauer, während das Privatfernsehen RTL (liberal) und TV2 (bürgerlich) am Abend des 12. April auf 750.000 beziehungsweise 410.000 Zuschauer kam. Ähnlich zum Abgleich bei den Wahlsendungen von ATV und HírTV ergibt auch hier der Vergleich, dass sich das Wahlergebnis der Parlamentswahlen auch bei der Präferenz der von den Wählern konsumierten Fernsehkanäle weltanschaulich manifestierte. Die relativ dünnen Einschaltquoten des damaligen, eigentlich die Führungsrolle innehabenden öffentlich-rechtlichen Rundfunks spiegelten sich im Wahlergebnis wieder.
Internet
Anders als etwa in Deutschland und anderen Ländern bedienen in Ungarn die traditionellen Tages- und Wochenzeitungen sowie Nachrichtenmagazine nicht reichweitenstarke und führende Onlineportale, sondern führen im Internet eher ein Nischendasein – große Ausnahmen sind vielleicht das führende politische Wochenmagazin hvg, das auch als Onlineportal zu den am meisten gelesenen Internetzeitungen avancierte, ebenso wie im Fall der Wochenzeitung Magyar Nemzet und des TV-Senders ATV.
Bei den Top10 der führenden politischen Nachrichtenportale stechen die vier größten eindeutig hervor: Das sich mittig bis bürgerlich verortende Index mit etwa 665.000 realen Nutzern am Tag, gefolgt vom mittig-liberalen 24.hu mit etwa 590.000. Dicht dahinter rangiert das 2020 von ehemaligen Redakteuren von Index gegründete linksliberale Telex mit 525.000 realen Nutzern und das mit 445.000 Lesern aufwartende Origo, das eher den politischen Boulevard mit einer starken Sympathie für den Fidesz bedient. Dahinter folgen das Wirtschaftsportal Portfolio, die bereits erwähnte hvg, das linksliberale Investigativportal 444 sowie die Boulevardzeitung Blikk und die Magyar Nemzet sowie ATV.
Daneben sprießen seit einigen Jahren politische YouTube-Kanäle und andere Formate wie Pilze aus dem Boden. Unbedingt zu nennen ist das bei YouTube mit 710.000 Abonnenten führende Partizán, welches dadurch Massenbekanntheit erlangte, dass Péter Magyar im Februar 2024 dort seinen ersten großen öffentlichkeitswirksamen Auftritt absolvierte. In den letzten Tagen wurde bekannt, dass Partizán die Parlamentsakkreditierung verwehrt wurde, unter Hinweis auf ein fehlendes politisches Nachrichtenangebot auf einer herkömmlichen Website. Die strengen Regeln des Parlaments sollen zwischen traditionellen Medien und politischen Influencern differenzieren, nur erstere sollen in das Hohe Haus gelangen können. Bemerkenswert ist, dass führende Repräsentanten der neuen Machthaber zuvor für Partizán gearbeitet haben, wie etwa der Kanzleramtsminister oder die neue Leiterin des Amts für Vermögensrücknahme.
Weiterhin führend sind noch das stark rechte Patrióta mit 330.000 Abonnenten sowie das stark fidesznahe Ultrahang mit 265.000 und der Ableger, Ultrahang Plusz mit 165.000. Politisch kaum zu verorten, da mit jeder Seite kritisch ist die neue Plattform ÖT, die intellektuell-systemkritisch eine Nische gefunden hat, mit derzeit 125.000 Abonnenten, Tendenz steigend. Markant ist, dass das Nachrichtenportal Telex bei YouTube mit seinen Videos 465.000 Follower erreicht, während 24.hu nur auf 225.000 Abonnenten kommt. Das vor zwei Jahren vom Bruder von Péter Magyar gegründete Nachrichtenportal Kontroll ist besonders bei YouTube stark: Der Kanal kann 215.000 Abonnenten aufweisen und hat eine starke Präsenz auch bei Facebook. Index hat 140.000 YouTube-Abonnenten, hvg kommt auf 125.000, Origo nur auf 50.000. Das vor einigen Wochen von ehemaligen Redakteuren der eingestellten Mandiner gegründete Konfront erreicht gerade einmal 20.000 Abonnenten.
In Ungarn spielt in der politischen Kommunikation auch Facebook eine wichtige Rolle. Die Nachrichtenportale, Zeitungen und andere Medien wie Influencer und YouTuber versuchen sich auch dort erfolgreich zu positionieren, da Facebook das von den Ungarn am meisten genutzte Social Media Produkt ist. Unvergesslich sind die Facebook-Videos des neuen Ministerpräsidenten, der fast im Stundentakt die politische Agenda setzt und unmittelbar zu seinen Anhängern spricht. Er kommt auf 1,7 Millionen Follower und ist in seiner Person selbst das „auflagenstärkste“ führende Medium des Landes.
Fazit
Nach langen Jahren einer eindeutigen Tendenz in Richtung konservative Medien und einer insgesamt politisch ausgewogenen Situation auf dem Medienmarkt lässt sich nun eine Pendelbewegung nach links oder zumindest wieder hin zur Mitte erkennen. Die öffentlich-rechtlichen Medien stehen zwar unter direktem Einfluss regierungsnaher Kreise, doch erscheinen die dortigen Nachrichten ausgewogener als zuvor. Nichtsdestotrotz haben die bisherigen tonangebenden Medienschaffenden einen schweren Stand; oppositionelle und konservative Medien sind bis auf einen kleinen, unbedeutenden Nukleus in sich zusammengeschmolzen, bisherige Flaggschiffe erodieren. Bei den neuen Medien dominieren YouTube-Kanäle und Influencer. Hier ist das Bild noch stärker hin zu linksliberalen Medienmachern erkennbar. Insgesamt bietet sich eine Medienlandschaft, die in der Summe zwar nicht eindeutig und unmittelbar regierungsfreundlich ist, doch der neuen Regierungspartei eher wohlwollend gegenübersteht. Eine derart komfortable Situation hatte die Vorgängerregierung nie.